Rundgang
Von der Tontafel zum Bildschirm
Ein Rundgang von der ersten Tontafel über Gutenbergs Werkstatt bis zum Bildschirm, und zu der Frage, warum Lesen wichtig bleibt.
Komm herein. Vor dir liegen gut fünftausend Jahre, und du musst dafür nur scrollen. Der Weg beginnt bei einem Klumpen Ton, auf dem jemand Bierrationen abrechnet, und er endet bei dem Bildschirm, auf dem du diesen Satz gerade liest.
Unterwegs triffst du nicht nur Erfinder und Könige. Du begegnest einem Schulkind, das Prügel bezieht, einer Römerin, die zum Geburtstag einlädt, einer Katze, die ein Buch ruiniert, und einem Drucker, dem der Geldgeber die Werkstatt nimmt. Nimm dir Zeit und lies dich fest, wo du magst.
Epochen
- Die ersten Zeichenca. 3300 – 600 v. Chr.
- Griechenland und Rom1. Jt. v. Chr. – 4. Jh. n. Chr.
- Das Mittelalterca. 500 – 1450
- Die Erfindung des Drucks868 – 1455
- Die Welt im Druck1500 – 1800
- Das Industriezeitalter1800 – 1900
- Das 20. Jahrhundert1900 – 1985
- Die Bildschirmzeit1985 – 2010
- Heuteseit 2010
Zwei Arten von Geschichten
- Überliefert
- Das ist belegt oder wird seit Langem so erzählt. Wo eine Quelle wackelt, steht es dabei.
- So könnte es gewesen sein
- Das ist erfunden: eine kleine Szene vor historischem Hintergrund.
ca. 3300 – 600 v. Chr.
Die ersten Zeichen
Am Anfang der Schrift steht keine Dichtung, sondern eine Abrechnung. Wer in einer wachsenden Stadt lebt, muss wissen, wem was gehört und wer was schuldet, und dafür reicht das Gedächtnis nicht mehr aus. In diesem Saal ist alles schwer, zerbrechlich und mühsam: Ton, Stein, Schilf. Und doch kann man vieles davon heute noch lesen.
ca. 3300 v. Chr.
Tontafel und Griffel
In Uruk, im heutigen Irak, drücken Schreiber mit einem Schilfgriffel Zeichen in feuchten Ton. Die frühesten Tafeln sind Buchhaltung: Sie halten fest, wer wie viel Gerste oder Bier bekommt.
Ton liegt in Mesopotamien überall herum, und das macht ihn so praktisch. Ein feuchter Klumpen wird zur Tafel geformt und nimmt jeden Eindruck des Griffels auf. Die spätere Form dieser Eindrücke gibt der Schrift ihren Namen: Keilschrift. Wer sich verschreibt, streicht den Ton wieder glatt, und die Sonne erledigt den Rest.
Die Tafel unten zeigt, wie dieser Anfang aussieht. Ein Kopf, zu dem eine Schale gekippt ist, steht für das Essen und damit für die Zuteilung, ein aufrechter Krug mit spitzem Boden für Bier, und die eingedrückten Marken sind Zahlen. Das ist noch keine Sprache auf Ton, sondern eine Liste. Erst über Jahrhunderte lernen die Zeichen, auch Laute, Namen und ganze Sätze auszudrücken.
Tontafel mit BierrationenMesopotamien, 3100–3000 v. Chr.Im British Museum ansehen ↗Foto: © The Trustees of the British Museum. Shared under a Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 4.0 International (CC BY-NC-SA 4.0) licence.
ca. 3200 v. Chr.
Hieroglyphen
Fast zur selben Zeit entsteht in Ägypten eine eigene Schrift aus Bildzeichen. Sie steht auf Tempelwänden und Grabmälern, während Schreiber im Alltag schnellere, verbundene Formen nutzen.
Das griechische Wort Hieroglyphen bedeutet „heilige Einritzungen“. Mehr als dreitausend Jahre lang bleibt die Schrift in Gebrauch, und bis zuletzt sind ihre Zeichen Bilder von Eulen, Beinen und Wasserlinien. Doch die Bilder täuschen. Viele Zeichen meinen nicht das, was sie zeigen, sondern einen Laut, so wie in einem Bilderrätsel.
Für den Alltag wäre das viel zu langsam. Schreiber nutzen deshalb eine flüssige Kursive, das Hieratische, und später das noch knappere Demotische. Die Hieroglyphen bleiben den Göttern, den Toten und der Ewigkeit vorbehalten.
Totenbuch des AniÄgypten, um 1250 v. Chr.Im British Museum ansehen ↗Foto: © The Trustees of the British Museum. Shared under a Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 4.0 International (CC BY-NC-SA 4.0) licence.
ab ca. 3000 v. Chr.
Steintafeln
Was Jahrhunderte überdauern soll, wird in Stein gehauen: Gesetze, Siege und Weihungen. Stein hält fast ewig, aber er lässt sich kaum transportieren, und jede Zeile kostet Tage.
Eine Inschrift in Stein sagt immer auch: Hier ist Macht. Die Stele des Hammurabi ragt über zwei Meter auf, oben steht der König vor dem Sonnengott, darunter folgen rund 280 Rechtssätze in Keilschrift. Die wenigsten Menschen können das lesen. Das sieht auch der Text selbst voraus: Wer Unrecht erlitten hat, soll vor die Stele treten und sich die Worte vorlesen lassen.
Auch Steine reisen. Im 12. Jahrhundert v. Chr. verschleppen Eroberer aus Elam die Stele nach Susa, wo sie erst um 1900 wieder ans Licht kommt.
Sonnengott-Tafel aus SipparBabylonien, 860–850 v. Chr.Im British Museum ansehen ↗Foto: © The Trustees of the British Museum. Shared under a Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 4.0 International (CC BY-NC-SA 4.0) licence.
Stein von RosetteÄgypten, 196 v. Chr.Im British Museum ansehen ↗Foto: © The Trustees of the British Museum. Shared under a Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 4.0 International (CC BY-NC-SA 4.0) licence.
ab ca. 2900 v. Chr.
Papyrus
Aus dem Mark der Nilpflanze entstehen über Kreuz gepresste Blätter, die sich zu langen Rollen kleben lassen. Zum ersten Mal ist ein Text leicht genug, um mit auf die Reise zu gehen.
Das Mark wird in Streifen geschnitten, eine Lage längs, eine Lage quer, dann wird gepresst, getrocknet und geglättet. Das Ergebnis ist hell, biegsam und nimmt Tinte gut an. Die älteste bekannte Rolle lag unbeschrieben in einem Grab in Sakkara. Unser Wort Papier stammt von diesem Stoff, auch wenn echtes Papier ganz anders entsteht.
Um 1550 v. Chr. kopiert der Schreiber Ahmes ein älteres Rechenbuch und verspricht im Titel nichts Geringeres als den Zugang zu allen dunklen Dingen. Was folgt, ist erstaunlich handfest: wie man Brote gerecht verteilt und die Fläche eines Feldes berechnet.
Mathematischer Papyrus RhindÄgypten, um 1550 v. Chr.Im British Museum ansehen ↗Foto: © The Trustees of the British Museum. Shared under a Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 4.0 International (CC BY-NC-SA 4.0) licence.
3. Jt. v. Chr.
Tinte und Binse
Ägyptische Schreiber mischen Ruß mit Pflanzengummi zu schwarzer Tinte und kauen die Spitze einer Binse zum Pinsel. Rote Tinte aus Ocker markiert Überschriften, ein Brauch, der bis in mittelalterliche Handschriften reicht.
Ruß fällt an jeder Feuerstelle ab, und das Gummi bindet ihn zu festen Tintenstücken. Schreiber tragen sie auf der Palette mit sich und befeuchten sie aus einem kleinen Wassernapf, ganz so wie einen Tuschkasten. Das Werkzeug gehört so eng zum Beruf, dass Palette, Wassernapf und Binsenhalter zusammen das Hieroglyphenzeichen für „Schreiber“ bilden.
Die Palette des Meryra hat vierzehn Mulden, weit mehr, als Schwarz und Rot verlangen. Sie dürfte also für farbige Arbeiten gedacht gewesen sein.
Schreibpalette des MeryraÄgypten, aus HolzIm British Museum ansehen ↗Foto: © The Trustees of the British Museum. Shared under a Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 4.0 International (CC BY-NC-SA 4.0) licence.
ca. 1800 v. Chr.
Das Alphabet
Semitische Arbeiter auf dem Sinai leiten aus Hieroglyphen eine Handvoll Zeichen für einzelne Laute ab. Statt hunderter Zeichen genügen nun rund dreißig, und aus dieser Idee gehen die meisten heutigen Alphabete hervor.
Der Trick ist verblüffend einfach. Man nimmt das Bild eines Hauses, nennt es in der eigenen Sprache beth und benutzt es von nun an nur für den ersten Laut: b. Das Bild eines Ochsenkopfs, semitisch alp, steht für den Anlaut dieses Wortes. Schreiben braucht plötzlich keine jahrelange Ausbildung mehr, wenige Dutzend Zeichen genügen.
Über die Phönizier und die Griechen, die auch die Vokale ergänzen, wandert das System bis zu uns. Dreh ein großes A auf den Kopf, und du siehst noch immer die Hörner des Ochsen.
Sphinx mit früher AlphabetschriftSinai, um 1800 v. Chr.Im British Museum ansehen ↗Foto: © The Trustees of the British Museum. Shared under a Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 4.0 International (CC BY-NC-SA 4.0) licence.
7. Jh. v. Chr.
Die Bibliothek von Ninive
Der assyrische König Assurbanipal lässt Texte aus seinem ganzen Reich sammeln. Erhalten sind Zehntausende Tafeln und Bruchstücke, darunter das Gilgamesch-Epos mit seiner Sintflut-Erzählung.
Könige, die prahlen, gibt es viele. Assurbanipal prahlt mit dem Lesen: In einer Inschrift rühmt sich der König, sogar die Tafeln aus der Zeit vor der Flut zu verstehen. Die Sammlung wird geordnet, abgeschrieben und mit Vermerken versehen, und manche Tafeln drohen jedem mit göttlichem Zorn, der sie stiehlt.
612 v. Chr. fällt Ninive, die Paläste brennen. Dem Ton schadet Feuer wenig, manche Tafel härtet es sogar. Erst in den 1850er-Jahren holen Ausgräber sie wieder aus dem Schutt und schicken sie nach London.
Sintflut-TafelNinive, 7. Jh. v. Chr.Im British Museum ansehen ↗Foto: © The Trustees of the British Museum. Shared under a Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 4.0 International (CC BY-NC-SA 4.0) licence.
1. Jt. v. Chr. – 4. Jh. n. Chr.
Griechenland und Rom
Griechen und Römer schreiben auf alles, was ihnen in die Hand kommt: auf Wachs, auf Papyrus, auf dünne Holzblätter. Die Schrift verlässt Tempel und Palast und zieht in Schulen, Läden und Feldlager ein. Zugleich fallen in diesen Jahrhunderten drei Entscheidungen über die Zukunft des Buches: das Pergament, das Papier in China und der gebundene Blätterstapel, den wir bis heute in der Hand halten.
1. Jt. v. Chr.
Die Wachstafel
In eine Holztafel gegossenes Wachs nimmt die Spitze eines Griffels auf, das stumpfe Ende glättet alles wieder. So üben Schulkinder und notieren Kaufleute, denn die Tafel lässt sich immer neu beschreiben.
Mehrere Tafeln, mit Schnüren verbunden, ergeben eine Art Notizbuch. Rechnungen, Verträge und Briefentwürfe landen auf Wachs. Glatt gestrichen ist die Tafel wieder eine tabula rasa, eine abgeschabte Tafel: Der Ausdruck steht bis heute für einen Neuanfang.
Aus dem lateinischen stilus, dem Griffel, wird später unser Wort Stil. Wie man schreibt, hieß also einmal: mit welchem Griffel.
Griechische Schultafel mit GriffelÄgypten, 2.–3. Jh. n. Chr.Im British Museum ansehen ↗Foto: © The Trustees of the British Museum. Shared under a Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 4.0 International (CC BY-NC-SA 4.0) licence.
um 300 v. Chr.
Die Buchrolle
Die Bibliothek von Alexandria sammelt das Wissen der griechischen Welt auf Papyrusrollen. Wer eine Stelle sucht, muss die Rolle mit beiden Händen auf- und wieder zuwickeln.
Ein „Buch“ ist in der Antike so viel, wie auf eine Rolle passt. Daher sprechen wir von den Büchern der Ilias, obwohl sie zusammen nur ein einziges Werk bilden. In Alexandria entsteht auch die Kunst, eine Bibliothek zu ordnen: Kallimachos stellt ein Verzeichnis der griechischen Literatur zusammen, das selbst über hundert Rollen füllt.
Rollen tragen nicht nur Text. Das Blatt unten stammt aus einem ägyptischen Totenbuch und zeigt die Himmelsgöttin Nut, gewölbt über dem Erdgott Geb. Die große Bibliothek geht übrigens nicht in einem einzigen dramatischen Brand unter. Sie schwindet über Jahrhunderte, durch Kriege, Geldmangel und Vernachlässigung.
Blatt aus einer Totenbuch-RolleÄgypten, 950–930 v. Chr.Im British Museum ansehen ↗Foto: © The Trustees of the British Museum. Shared under a Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 4.0 International (CC BY-NC-SA 4.0) licence.
ab 2. Jh. v. Chr.
Pergament
Gespannte, geschabte Tierhaut ist teuer, aber haltbar und auf beiden Seiten beschreibbar. Der Legende nach trägt das Material den Namen der Stadt Pergamon, weil dort die Papyruslieferungen aus Ägypten ausblieben.
Die Haut von Kalb, Schaf oder Ziege wird in Kalklauge eingeweicht, von den Haaren befreit, in einem Rahmen gespannt und beim Trocknen immer wieder geschabt. Auf manchem alten Blatt sieht man noch, wo das Tier eine Verletzung hatte, und mancher Schreiber schrieb einfach um das Loch herum.
Pergament ist zu wertvoll, um es wegzuwerfen. Darum wird es wiederverwendet: Man schabt den alten Text ab und schreibt darüber. Die Fachsprache nennt so ein Blatt Palimpsest.
um 100 n. Chr.
Briefe aus Vindolanda
An einem römischen Fort in Britannien schreibt man mit Tinte auf dünne Holzblätter. Erhalten ist sogar eine Einladung zum Geburtstag, deren letzte Zeilen Claudia Severa selbst hinzugefügt hat.
Seit 1973 kommen die Täfelchen am Hadrianswall aus dem Boden. Die feuchte, sauerstoffarme Erde hat dünne Holzblätter bewahrt, die sonst längst verrottet wären. Die Schrift ist oft kaum noch zu sehen, erst Infrarotaufnahmen holen sie zurück.
Hier spricht nicht das Reich, sondern der Alltag: Dienstpläne, Einkaufslisten, ein Paket mit Socken und Unterhosen für die kalte Grenze. Rom war groß, aber an seinem Rand fror man an den Füßen.
GeburtstagseinladungVindolanda, 97–103 n. Chr.Im British Museum ansehen ↗Foto: © The Trustees of the British Museum. Shared under a Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 4.0 International (CC BY-NC-SA 4.0) licence.
um 105 n. Chr.
Papier aus China
Der Hofbeamte Cai Lun beschreibt ein Verfahren, aus Rinde, Hanf und Lumpen Papier zu schöpfen. Ältere Funde zeigen, dass es Vorläufer gab; sein Bericht macht das Papier in China zum Schreibstoff.
Das Verfahren klingt einfach und ist es im Grunde bis heute. Die Fasern werden gekocht und zu Brei geschlagen, dann in viel Wasser verrührt. Ein Sieb hebt eine dünne Schicht heraus, die Fasern verfilzen sich, und das Blatt wird gepresst und getrocknet.
In den folgenden Jahrhunderten verbreitet sich das Papier in ganz China, nach Korea, Japan und Zentralasien. Bis es in Mainz landet, dauert es noch über tausend Jahre.
ab 1. Jh. n. Chr.
Der Kodex
Gefaltete Lagen werden zwischen zwei Deckel gebunden, und das Buch bekommt seine heutige Form. Man kann blättern, beide Seiten beschreiben und eine Stelle sofort wiederfinden. Bis zum 4. Jahrhundert verdrängt der Kodex die Rolle weitgehend.
Das lateinische caudex meint einen Baumstumpf, und tatsächlich steckt in diesem Buch noch die Holz- und Wachstafel: mehrere Blätter, an einer Kante verbunden. Der Vorteil ist enorm. Eine Stelle lässt sich mit einem Finger festhalten, man kann vergleichen, zurückspringen und einen dicken Band auch unterwegs mitnehmen.
Besonders früh greifen die Christen zum Kodex, während Rollen in der gebildeten Welt noch lange als das Feinere gelten. Wer ein Werk von der Rolle in die neue Form kopiert, rettet es ins Mittelalter. Was nicht umkopiert wird, geht oft verloren.
Zusatzrundgang Die Bibel: Der Codex Sinaiticus →
ca. 500 – 1450
Das Mittelalter
Fast tausend Jahre lang entsteht in Europa jedes Buch von Hand. In den Schreibstuben der Klöster überlebt, was von der Antike übrig ist, und mit Gold und Lapislazuli wird das Buch selbst zur Kostbarkeit. Weiter im Osten, von Samarkand bis Córdoba, liest und schreibt man längst auf einem Stoff, der in Europa noch fast unbekannt ist: Papier.
ca. 500 – 1450
Das Skriptorium
Bücher entstehen Seite für Seite von Hand, oft in Klöstern. Eine Abschrift dauert Monate bis Jahre, und jedes Exemplar bleibt ein Einzelstück mit eigenen Fehlern.
Das Abschreiben ist Handarbeit und Gottesdienst zugleich. Es ist still, und im Winter ist es kalt. Am Ende eines Bandes verewigen sich Schreiber gern mit einer kleinen Klage. „Drei Finger schreiben, der ganze Körper leidet“, steht in mancher Handschrift, und anderswo liest man den Stoßseufzer, dass die Tinte schlecht sei und das Pergament nichts tauge.
Für die Fehler hat das Mittelalter einen eigenen Dämon gefunden: Titivillus sammelt, so wird es erzählt, jeden Schreibfehler in einem Sack und trägt ihn für das Jüngste Gericht zusammen.
Zusatzrundgang Die Bibel: Hieronymus und die Vulgata →
ab 7. Jh.
Feder und Tinte
Die Gänsefeder löst das Schreibrohr ab: Sie lässt sich fein zuschneiden und führt die Schrift sauberer. Eisengallustinte aus Galläpfeln und Vitriol frisst sich tief ins Pergament und bleibt über Jahrhunderte lesbar.
Federn stammen meist aus den äußeren Schwingen, und wer rechts schreibt, nimmt gern eine vom linken Flügel, weil die Krümmung dann von der Hand wegführt. Das Federmesser gehört zum Handwerk, denn die Spitze muss immer wieder nachgeschnitten werden. Von penna, der Feder, kommt das englische Wort pen, und unser Federmäppchen erinnert ebenfalls daran, obwohl kaum noch eine Feder darin liegt.
Für die Tinte braucht man Galläpfel, die kugeligen Wucherungen, die Gallwespen an Eichen verursachen. Zerstoßen und mit Eisenvitriol und Gummi angerührt, ist die Mischung zunächst blass und wird auf dem Blatt tiefschwarz. Sie ist billig, leicht herzustellen und kaum wieder zu entfernen.
ab 7. Jh.
Buchmalerei
Rot aus Zinnober, Blau aus Lapislazuli, dazu Blattgold: Prachthandschriften zeigen, was ein Buch wert ist. Große Initialen schmücken die Seite und helfen zugleich, einen Abschnitt zu finden.
Lapislazuli kommt damals aus den Bergen des heutigen Afghanistan und gehört zum Teuersten, was eine Werkstatt besitzen kann. Das Blau heißt später Ultramarin, „von jenseits des Meeres“. Wer damit arbeiten darf, gehört zu den Besten des Fachs.
Die meisten Buchmaler bleiben namenlos. Eine, die das nicht hinnimmt, ist die Nonne Guda: Im 12. Jahrhundert malt sie sich in eine Initiale und setzt dazu, Guda, eine sündige Frau, habe dieses Buch geschrieben und gemalt. Das ist Demut und Signatur zugleich.
Zusatzrundgang Die Bibel: Der Codex Amiatinus →
ab 8. Jh.
Papier in der islamischen Welt
Von Samarkand aus erreicht die Papierherstellung Bagdad und den ganzen Mittelmeerraum. Bibliotheken und Verwaltungen wachsen, und das Schreibzeug wird zum Kunstwerk.
Um 800 gibt es in Bagdad Papiermühlen und bald darauf ein ganzes Viertel für den Buchhandel, in dem die Warraqun arbeiten: Kopisten, Buchhändler und Papierhändler in einer Person. Mit dem Papier wachsen auch die Archive, die Kanzleien und die privaten Sammlungen.
Wer viel schreibt, zeigt das auch gern. Der Schreibkasten unten trägt Einlagen aus Silber und Gold. Das Schreibzeug ist kein bloßes Werkzeug mehr, sondern ein Zeichen für Rang und Bildung.
Schreibkasten aus Messing1281–1282Im British Museum ansehen ↗Foto: © The Trustees of the British Museum. Shared under a Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 4.0 International (CC BY-NC-SA 4.0) licence.
um 1100
Die Bücher der Maya
Auf der anderen Seite des Atlantiks schreiben die Maya seit über tausend Jahren, auf Stein, Keramik und in gefalteten Büchern aus Rindenpapier. Von diesen Büchern sind nur vier erhalten. Das schönste liegt heute in Dresden.
Die Schrift der Maya verbindet Zeichen für ganze Wörter mit Zeichen für Silben, ganz ähnlich wie die Keilschrift oder die Hieroglyphen, die sich Menschen in Amerika ohne jede Verbindung zu Europa selbst ausgedacht haben. Geschrieben wird auf Papier aus der Rinde wilder Feigenbäume, mit Kalk geglättet und wie ein Leporello gefaltet. Der Dresdner Kodex entsteht wohl im 11. oder 12. Jahrhundert und ist voller Berechnungen: Er sagt die Bahn der Venus und Finsternisse voraus.
Wie der Kodex nach Europa kam, weiß niemand genau. 1739 kauft ihn Johann Christian Götze, Leiter der königlichen Bibliothek in Dresden, in Wien von einem Unbekannten. Im Februar 1945 wird er bei den Luftangriffen auf Dresden durch Wasser beschädigt, aber er übersteht den Krieg. Gelesen werden kann die Schrift erst seit den 1950er-Jahren: 1952 zeigt der sowjetische Forscher Juri Knorosow, dass viele Zeichen für Silben stehen.
um 1286
Die Brille
In Oberitalien schleift jemand zwei Linsen aus Glas und fasst sie so, dass man sie vor beide Augen halten kann. Wer es war, ist unbekannt. Aber von nun an können Menschen auch dann noch lesen und schreiben, wenn die Augen mit dem Alter nachlassen.
Schon vorher legen Mönche und Gelehrte einen Lesestein aufs Pergament, eine halbe Kugel aus Glas oder Bergkristall, die die Buchstaben vergrößert. Unser Wort Brille kommt wahrscheinlich vom Beryll, einem Edelstein, aus dem man solche Steine schliff. Die ersten Brillen sitzen nicht auf der Nase, sondern werden vor die Augen gehalten oder auf den Nasenrücken geklemmt; Bügel über die Ohren kommen erst Jahrhunderte später.
Für Schreiber, Gelehrte und Kaufleute verlängert die Brille das Arbeitsleben um Jahrzehnte. Venedig mit seinen Glasmachern wird schnell zu einem Zentrum der Herstellung. Wer gut sieht, hält das für selbstverständlich. Wer ab vierzig in der eigenen Abschrift die Buchstaben nicht mehr erkennt, nicht.
1390
Papier erreicht Deutschland
Nach Spanien und Italien bekommt auch der deutsche Sprachraum seine erste Papiermühle: Ulman Stromer gründet sie in Nürnberg. Aus alten Leinenlumpen wird ein Stoff, der weit billiger ist als Pergament, und das macht den Buchdruck erst lohnend.
Lumpen werden gesammelt, sortiert und feucht gelagert, bis sie faulen. Wasserkraft treibt schwere Stampfer an, die alles zu Brei schlagen. Die Gleismühle an der Pegnitz hat 18 davon, und sie steht vor den Mauern der Stadt, wegen des Lärms und des Gestanks. Ein Sieb nach dem anderen wird durch die Bütte gezogen, und am Ende hängen die Bögen zum Trocknen unter dem Dach.
Ein feiner Draht im Sieb hinterlässt ein Zeichen im Papier, das Wasserzeichen. Wer ein Blatt gegen das Licht hält, liest darin noch heute die Herkunft. Für die Forschung ist das Gold wert, denn so lassen sich auch undatierte Drucke einordnen.
868 – 1455
Die Erfindung des Drucks
Dieser Saal beginnt nicht in Mainz, sondern in Ostasien. Rund sechshundert Jahre vor Gutenberg werden dort ganze Seiten gedruckt, und auch bewegliche Lettern gibt es lange vor Europa. In Mainz kommt dann zusammen, was vorher getrennt war: Metallguss, Druckfarbe, Presse und billiges Papier. Aus einer Technik wird ein Geschäft, und aus dem Geschäft eine neue Welt.
868
Holzdruck in Ostasien
In China werden ganze Seiten in Holz geschnitten und abgezogen. Das Diamant-Sutra von 868 ist das älteste erhaltene vollständige Druckwerk mit genauem Datum.
Das Verfahren ist leicht zu beschreiben und mühsam auszuführen. Eine Handschrift wird seitenverkehrt auf einen Holzblock geklebt und das Holz um die Zeichen herum weggeschnitten. Dann wird eingefärbt, ein Blatt aufgelegt und mit einer Bürste abgerieben. Einmal geschnitten, liefert der Block viele hundert gleiche Abzüge.
Vor allem der Buddhismus treibt die Technik an: Wer heilige Texte vervielfältigt, tut ein gutes Werk. Später druckt man auch Kalender, Wörterbücher und in der Song-Zeit sogar Papiergeld.
um 1040
Bewegliche Lettern in Asien
Bi Sheng setzt in China Texte aus einzelnen Lettern aus gebranntem Ton. In Korea entsteht 1377 das Jikji, das älteste erhaltene Buch, das mit Metalllettern gedruckt wurde.
Von Bi Sheng wissen wir nur, weil der Gelehrte Shen Kuo Jahrzehnte später darüber schreibt. Die Lettern werden aus Ton geformt, gebrannt und in einer Eisenform mit Wachs und Harz befestigt. Um 1300 lässt der Beamte Wang Zhen Zehntausende Holzlettern schneiden und ordnet sie auf drehbaren Tischen an.
Warum löst das keine Umwälzung aus wie später in Europa? Ein chinesischer Text braucht Tausende verschiedener Zeichen, viele davon nur selten. Das europäische Alphabet kommt mit wenigen Dutzend Buchstaben aus, die sich ständig wiederholen. In China bleibt der Holzdruck oft schlicht die bessere Wahl.
um 1450
Gutenbergs Werkstatt
In Mainz verbindet Johannes Gutenberg gegossene Lettern aus Blei, Zinn und Antimon, ölhaltige Druckfarbe und die Presse zu einem Verfahren. Damit lassen sich in Europa erstmals große Auflagen wirtschaftlich herstellen.
Das eigentliche Herzstück ist kein Gerät zum Drucken, sondern eines zum Gießen. In einen Stahlstempel wird der Buchstabe geschnitten und in Kupfer geschlagen, und diese Form sitzt in einem Handgießinstrument. So lässt sich dieselbe Letter tausendfach gießen, und alle sind gleich hoch. Nur so stehen sie im Satz sauber nebeneinander.
Die Presse dagegen ist vertraut: Spindelpressen kennt man vom Wein und vom Papier. Neu ist die Farbe. Tinte würde vom Metall abperlen, also braucht es eine zähe Mischung aus Ruß und gekochtem Leinöl, ähnlich dem Firnis der Maler. Viele kleine Schritte, jeder für sich unspektakulär, ergeben zusammen das Verfahren, das die Welt verändert.
Zusatzrundgang Die Bibel: Bibeln aus stehendem Satz →
1454/55
Die Gutenberg-Bibel
Zweiundvierzig Zeilen pro Spalte, rund 180 Exemplare, davon knapp 50 erhalten. Das erste große gedruckte Buch Europas soll aussehen wie eine Handschrift, und die Initialen malt man noch von Hand hinein.
Fast 1.300 Seiten in zwei Bänden und rund 290 verschiedene Lettern, weil zur Nachahmung der Handschrift auch Ligaturen und Abkürzungen gehören. Mehrere Pressen und Setzer arbeiten über Jahre gleichzeitig. Ein Exemplar auf Pergament verschlingt rund 170 Kalbshäute. Das Unternehmen ähnelt eher einer Baustelle als einer Werkstatt, und entsprechend viel Geld kostet es.
Das Geld kommt von dem Mainzer Johann Fust. Am 6. November 1455 hält der Notar Helmasperger den Streit fest: Fust fordert die Darlehen samt Zinsen zurück und übernimmt wohl einen großen Teil der Werkstatt. Mit Peter Schöffer, zuvor in Gutenbergs Werkstatt tätig, druckt Fust zwei Jahre später den prächtigen Mainzer Psalter. Der Name des Erfinders steht nicht darin.
1500 – 1800
Die Welt im Druck
Um 1500 stehen Druckpressen in über zweihundert Städten Europas. Nun gibt es Bücher, die ein Kaufmann bezahlen kann, und Blätter, die ein Handwerker versteht. Streit wird öffentlich, Nachrichten werden zur Ware, und das Wissen der Welt soll in Bände passen. Wer nicht lesen kann, hört zu: Vorgelesen wird im Wirtshaus, auf dem Markt und in der Familie.
um 1500
Die Handschriften von Timbuktu
Am Südrand der Sahara, wo der Niger seinen großen Bogen macht, handelt Timbuktu mit Salz, Gold und Büchern. Gelehrte lehren an den Moscheen, und Familien sammeln über Generationen Handschriften. Zehntausende davon sind bis heute erhalten.
Im 15. und 16. Jahrhundert gehört Timbuktu zum Reich der Songhai und ist eine Stadt der Gelehrten. Der Reisende Leo Africanus berichtet Anfang des 16. Jahrhunderts, mit Büchern aus Nordafrika verdiene man hier mehr als mit jeder anderen Ware. Gedruckt wird nichts: Alles ist von Hand geschrieben, auf Papier, das mit Karawanen aus Nordafrika und Europa durch die Wüste kommt. Die Handschriften handeln von Glauben und Recht, Sternkunde, Medizin und Dichtung, meist auf Arabisch, manche auch in Songhai oder Fulfulde mit arabischen Buchstaben.
1591 erobert ein marokkanisches Heer das Reich der Songhai. Der Gelehrte Ahmed Baba wird 1594 nach Marokko verschleppt, seine 1.600 Bände werden beschlagnahmt, und dabei, schreibt er, habe er die kleinste Bibliothek seiner Familie besessen. Heute trägt das große Handschrifteninstitut der Stadt seinen Namen. Die meisten Handschriften aber bleiben in den Familien, von Generation zu Generation, und viele sind bis heute nicht erforscht.
1501
Aldus in Venedig
Um 1500 ist Venedig die Hauptstadt des Buchdrucks, und Aldus Manutius ihr berühmtester Verleger. Er druckt die griechischen und lateinischen Klassiker in handlichen Bänden und in einer neuen, schräg laufenden Schrift: der Kursive.
Aldus ist Gelehrter, bevor er Drucker wird. In seiner Werkstatt arbeiten Griechen, die aus dem zerfallenden Byzantinischen Reich geflohen sind, als Setzer und Korrektoren, und so erscheinen bei ihm viele griechische Texte zum ersten Mal gedruckt. 1501 bringt er Vergil im Oktavformat heraus, klein genug für die Manteltasche. Er nennt solche Bände tragbare Büchlein. Gedacht sind sie für Leute, die unterwegs lesen wollen, nicht nur am Pult.
Die Kursive dazu schneidet sein Stempelschneider Francesco Griffo nach dem Vorbild einer flüssigen Handschrift. Sie spart Platz, und damit Papier und Geld. Heute benutzen wir sie zum Hervorheben, damals ist ein ganzes Buch in ihr gesetzt. Das Zeichen der Druckerei, ein Delfin um einen Anker, steht für einen alten Wahlspruch: Eile mit Weile.
ab 1517
Flugblätter und Reformation
Luthers Thesen und Schriften verbreiten sich in wenigen Wochen weit über Wittenberg hinaus. Billige Flugblätter tragen zum ersten Mal einen Streit in eine breite Öffentlichkeit.
Das Erfolgsgeheimnis liegt auch in der Form. Eine Flugschrift hat wenige Blätter, ist in wenigen Tagen gesetzt und auf Deutsch geschrieben, oft mit einem kräftigen Holzschnitt auf dem Titel. Nachdrucken darf jeder, denn ein Urheberrecht gibt es nicht. Die Gegenseite druckt zurück.
Auch andere melden sich zu Wort. Die bayerische Adelige Argula von Grumbach schreibt 1523 an die Universität Ingolstadt, um einen jungen Gelehrten zu verteidigen. Die Schrift erscheint binnen Kurzem in vielen Auflagen. Eine Frau, die öffentlich den Professoren widerspricht: Das hat es so noch nicht gegeben, und die Empörung ist groß.
Zusatzrundgang Die Bibel: Das Septembertestament →
1570
Die Welt in Kupfer
In Antwerpen erscheint das „Theatrum Orbis Terrarum“ von Abraham Ortelius: 53 Karten der ganzen Welt, gleich groß und zu einem Buch gebunden. Gestochen sind sie in Kupfer. Bilder und Karten, fein wie eine Zeichnung, gibt es nun in großer Zahl zu kaufen.
Beim Kupferstich gräbt der Stecher die Linien mit einem Grabstichel in eine polierte Kupferplatte. Dann wird die Platte eingefärbt und wieder blank gewischt, sodass die Farbe nur in den Rillen bleibt, und eine Walzenpresse drückt sie auf feuchtes Papier. So entstehen Linien, feiner als jeder Holzschnitt sie kann. Aufgekommen ist das Verfahren um 1430 im Süden des deutschen Sprachraums, und die ersten Kupferstecher sind Goldschmiede. Albrecht Dürer zeigt 1513 und 1514 mit „Ritter, Tod und Teufel“ und „Melencolia I“, was es kann. Nur mit den Lettern verträgt sich der Kupferstich schlecht: Er braucht eine eigene Presse und einen eigenen Druckgang.
Für Landkarten ist er wie gemacht. Abraham Ortelius tritt 1547 als Kolorist von Karten in die Antwerpener Lukasgilde ein. Für sein „Theatrum“ zeichnet er kaum eine Karte selbst, sondern sammelt die besten, die es gibt, lässt sie von Frans Hogenberg in einheitlichem Format stechen und nennt in einer Liste die 87 Kartenmacher, die er kennt. Das Werk gehört zu den teuersten Büchern seiner Zeit und verkauft sich trotzdem glänzend: Bis 1612 erscheinen 31 Ausgaben in mehreren Sprachen. Eine sauber gestochene Platte liefert rund 200 Abzüge bester Güte und einige Hundert gute, danach werden die Abdrucke merklich schwächer. In Duisburg entwirft Gerhard Mercator 1569 eine Weltkarte, auf der Seeleute einen gleichbleibenden Kurs als gerade Linie ziehen können. Seekarten benutzen seine Darstellung bis heute.
1605
Die erste Zeitung
Der Straßburger Drucker Johann Carolus bringt seine handgeschriebenen Nachrichten regelmäßig in den Druck. Seine „Relation“ gilt als erste gedruckte Zeitung der Welt.
Das Neue daran ist nicht die Nachricht, sondern die Regelmäßigkeit. Flugblätter über Schlachten und Himmelszeichen gibt es seit Langem, aber nun erscheint jede Woche ein Blatt, ob etwas Großes geschehen ist oder nicht. Die Meldungen tragen Ortsmarken wie Wien, Venedig, Prag oder Köln, nüchtern und oft schon Wochen alt.
Ob die Relation wegen ihres Buchformats wirklich schon eine Zeitung ist, darüber streitet die Forschung bis heute. Unstrittig geht es danach schnell weiter: 1650 erscheint in Leipzig die erste Tageszeitung.
Relation, Jahrgang 1609Straßburg, 1609In der Universitätsbibliothek Heidelberg ansehen ↗Foto: Universitätsbibliothek Heidelberg. Public Domain Mark 1.0
1710
Wem gehört ein Buch?
In London tritt das erste Urheberrechtsgesetz in Kraft. Es heißt nach der Königin Statute of Anne und gibt nicht mehr den Druckern, sondern den Autorinnen und Autoren das Recht, über ihre Werke zu bestimmen, aber nur für eine begrenzte Zeit.
Bis dahin regeln Privilegien, wer was drucken darf. Ein Fürst oder eine Stadt verleiht sie einem Drucker für ein bestimmtes Buch, gegen Gebühr, und wer es trotzdem nachdruckt, wird bestraft, wenn man ihn erwischt. Dazu kommt die Zensur: Seit 1559 führt die katholische Kirche einen Index der verbotenen Bücher, den sie bis 1966 weiterführt. Die einen regeln, wer drucken darf, die anderen, was gedruckt werden darf.
Das Gesetz von 1710 nennt im Titel seinen Zweck: die Förderung der Gelehrsamkeit. Für vierzehn Jahre gehört ein neues Buch seinem Autor, danach noch einmal vierzehn, wenn er noch lebt. Danach darf es jeder drucken. Dieser Gedanke, dass Werke irgendwann allen gehören, steckt bis heute im Urheberrecht. Im deutschsprachigen Raum wird dagegen noch lange fröhlich nachgedruckt, ein einheitlicher Schutz kommt erst im 19. Jahrhundert.
1728
Ein Drucker in Philadelphia
Benjamin Franklin ist Erfinder, Forscher, Diplomat und einer der Gründer der Vereinigten Staaten. Sich selbst nennt er vor allem eines: Drucker. 1728 eröffnet er in Philadelphia seine eigene Werkstatt.
Gelernt hat Franklin bei seinem älteren Bruder James in Boston, der eine Zeitung herausgibt. Mit sechzehn schiebt Benjamin heimlich Briefe unter der Tür durch, unterschrieben von einer erfundenen Witwe namens Silence Dogood. Die Briefe werden gedruckt und gern gelesen, und niemand ahnt, dass der Lehrling sie geschrieben hat.
In Philadelphia druckt Franklin eine Zeitung, Formulare, Geldscheine für die Kolonie und ab 1732 einen Kalender, den „Poor Richard’s Almanack“, voller Wetter, Termine und Sprichwörter. Er wird über Jahrzehnte ein Bestseller. Noch in seinem Testament von 1788 stellt Franklin sich mit seinem Beruf vor: Benjamin Franklin aus Philadelphia, Drucker.
ab 1751
Das Wissen der Welt
Diderot und d’Alembert geben in Paris die Encyclopédie heraus. Die Aufklärung wird zum Druckprojekt: Handwerk, Wissenschaft und Philosophie stehen nebeneinander, für alle, die lesen können.
Begonnen hat es bescheiden: Der Verleger Le Breton wollte nur ein englisches Nachschlagewerk übersetzen lassen. Daraus werden 17 Textbände und 11 Bände mit Bildtafeln, rund 72.000 Artikel. Die Tafeln zeigen Werkstätten bis ins kleinste Werkzeug, vom Glasbläser bis zur Druckerei.
Dass ein Handwerk hier genauso würdig behandelt wird wie die Theologie, ist bereits eine Aussage. Die Kirche setzt das Werk 1759 auf den Index, der König entzieht das Druckprivileg. Es erscheint trotzdem.
um 1780
Die Lesewut
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts lesen in den deutschen Ländern so viele Menschen wie nie zuvor, vor allem Romane. Die einen jubeln, die anderen warnen vor einer neuen Krankheit: der Lesesucht.
Leihbibliotheken verleihen gegen eine kleine Gebühr Romane, Lesegesellschaften teilen sich Zeitschriften, und in vielen bürgerlichen Familien wird abends gelesen. Mehr und mehr lesen auch Frauen, Dienstboten und Handwerker, und zwar nicht mehr nur ein Buch immer wieder, sondern viele nacheinander. Die Forschung nennt das den Wechsel vom intensiven zum extensiven Lesen.
Pfarrer, Pädagogen und Ärzte sind alarmiert. Wer zu viel Romane lese, verderbe sich Augen, Gesundheit und Sitten, und vor allem jungen Frauen schade es. Die Klage klingt vertraut: Zweihundert Jahre später sagt man dasselbe über das Fernsehen, dann über das Handy. Dass ausgerechnet das Lesen einmal als gefährliche Ablenkung galt, ist für ein Museum des Lesens ein tröstlicher Gedanke.
1796
Der Steindruck
In München sucht der Schauspieler und Theaterautor Alois Senefelder einen billigen Weg, die eigenen Stücke zu drucken. Er findet ihn auf einer Platte aus Kalkstein: Fett und Wasser stoßen sich ab, und darauf baut ein ganz neues Druckverfahren.
Gezeichnet wird mit fetthaltiger Kreide oder Tusche direkt auf den glatt geschliffenen Stein. Dann wird er befeuchtet, und das Wasser bleibt nur dort, wo nichts gezeichnet ist. Die fette Druckfarbe wiederum haftet nur an der Zeichnung. Bild und Fläche liegen dabei auf einer Höhe, anders als beim Holzschnitt oder beim Bleisatz; man spricht deshalb vom Flachdruck.
Zum ersten Mal wird genau das gedruckt, was jemand gezeichnet oder geschrieben hat, ohne dass ein Holzschneider oder Setzer dazwischen steht. Noten, Landkarten und Etiketten werden billig. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts zieht der farbige Steindruck auf die Straße: In Paris gestalten Jules Chéret und Henri de Toulouse-Lautrec Plakate, die heute in Museen hängen.
1800 – 1900
Das Industriezeitalter
Dreieinhalb Jahrhunderte lang hat sich an der Druckpresse wenig geändert. Jetzt kommt alles auf einmal: Dampf treibt die Presse, Holz ersetzt die Lumpen, eine Tastatur ersetzt den Setzkasten. Lesen wird billig, die Schule wird Pflicht, und die Zeitung kommt auf den Küchentisch. Es riecht nach Kohle, Öl und heißem Blei.
1814
Die Schnellpresse
Friedrich Koenig und Andreas Bauer treiben die Druckpresse mit Dampf an. Die Londoner Times druckt damit 1.100 Bögen in der Stunde, von Hand waren es rund 250.
Koenig, ein Buchdrucker aus Eisleben, findet in Deutschland keine Geldgeber und geht nach London. Die Idee: Ein Zylinder dreht sich über die Form und übernimmt das Pressen, Walzen färben von selbst ein. Später bedrucken Rotationspressen ganze Papierbahnen.
Damit verändert sich auch die Zeitung. Sie kann aktueller sein, weil sie später in Druck geht, und billiger, weil mehr Exemplare die Kosten tragen. Aus einem Blatt für die Oberschicht wird eine Massenware.
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1829
Lesen mit den Fingern
Ein Zwanzigjähriger, blind seit früher Kindheit, veröffentlicht in Paris eine Schrift aus sechs erhabenen Punkten, die man mit einer Fingerkuppe auf einmal ertasten kann. Louis Braille hat sie schon als Schüler erdacht, und bis heute lesen blinde Menschen auf der ganzen Welt damit.
Louis Braille kommt 1809 in Coupvray östlich von Paris zur Welt. Mit drei Jahren verletzt er sich in der Werkstatt seines Vaters, eines Sattlers, mit einer Ahle am Auge, die Entzündung greift auf das andere über, und mit fünf ist er ganz blind. Mit zehn kommt er an die königliche Blindenschule in Paris. Deren wenige Bücher sind in großen, erhabenen Buchstaben geprägt, schwer, teuer und mühsam zu lesen. 1821 stellt dort der Artillerieoffizier Charles Barbier eine Nachtschrift vor, deren Punkte man im Dunkeln ertasten kann: bis zu zwölf je Zeichen, nach dem Klang der Silben geordnet. Braille macht daraus sechs Punkte und Buchstaben statt Laute. Sein Buch von 1829 erklärt auch, wie man Musik so schreibt, und ist selbst noch in den alten geprägten Buchstaben gedruckt.
Die Schüler lernen die Punkte sofort, die Lehrer zögern. 1840 verliert der Direktor, der Braille gefördert hat, sein Amt, und sein Nachfolger Pierre-Armand Dufau verbietet die Punktschrift, weil sie Blinde von den Sehenden trenne. Einem Bericht nach lässt er sogar Bücher in Punktschrift verbrennen. Die Schüler schreiben heimlich weiter. Bei der Einweihung des neuen Schulgebäudes 1844 führen sie die Schrift öffentlich vor, und 1854, zwei Jahre nach Brailles Tod, übernimmt die Schule sie offiziell. Von Paris aus geht sie um die Welt.
1843
Papier aus Holz
Friedrich Gottlob Keller gewinnt Papierfasern aus geschliffenem Holz, und die Lumpen sind nicht mehr der Engpass. Zeitungen und Bücher werden billig, auch wenn das neue Papier mit den Jahren vergilbt.
Im 19. Jahrhundert wird Papier zur Mangelware, denn die Schnellpressen schlucken mehr, als die Lumpensammler liefern können. Staaten erlassen Ausfuhrverbote für Lumpen. Der Rohstoff stammte über Jahrhunderte aus getragener Kleidung, und jetzt wächst er auf Bäumen.
In den folgenden Jahrzehnten liefern chemische Verfahren feinere Sorten, und die großen Waldländer werden zu Papierländern. Der Preis des Lesens fällt. Der Preis für den Wald zeigt sich erst später.
1847/1863
Die Rotationsmaschine
Statt flacher Formen drehen sich nun Zylinder. Richard Hoe baut in New York die erste Rotationspresse für Zeitungen, und William Bullock lässt ab 1863 eine endlose Papierbahn von der Rolle durch die Maschine laufen.
Bei Hoes Maschine, die 1847 in der Druckerei des Public Ledger in Philadelphia anläuft, sitzen die Lettern auf einem großen, sich drehenden Zylinder. Mehrere Druckzylinder rundherum bedrucken gleichzeitig Bögen, die Arbeiter von Hand einlegen. Bullock spart auch diese Handgriffe: Seine Maschine zieht das Papier von einer großen Rolle, bedruckt beide Seiten und schneidet die Bögen selbst ab.
Damit eine ganze Seite auf einen Zylinder passt, gießt man sie bald in eine gebogene Platte aus Blei. Mit Rotationsmaschinen, Papier aus Holz und der Linotype wird die Zeitung im späten 19. Jahrhundert zu dem, was wir kennen: dick, billig und jeden Morgen neu. Zeitungen laufen bis heute auf Rotationsmaschinen, nur sehr viel schneller.
1867
Klassiker für alle
Der Leipziger Verlag Philipp Reclam jun. bringt die ersten Bändchen seiner Universal-Bibliothek heraus, und Nummer 1 ist Goethes „Faust“. Jeder Band kostet zwei Silbergroschen. Die Klassiker passen nun in die Jackentasche, und fast jeder kann sie sich leisten.
Am 9. November 1867 tritt im Norddeutschen Bund ein Gesetz in Kraft, das alle Werke frei gibt, deren Verfasser seit mindestens dreißig Jahren tot sind. Bis dahin durfte vor allem der Verlag Cotta Goethe und Schiller drucken. Man nennt 1867 deshalb auch das Klassikerjahr. Anton Philipp Reclam, der seinen Verlag 1828 in Leipzig gegründet hat, ist vorbereitet: Schon am 10. November erscheinen „Faust I“ und „Faust II“ als Nummer 1 und 2. Je 5.000 Stück sind in wenigen Wochen verkauft, im Dezember und im Februar wird nachgedruckt, und bis Jahresende kommen 33 weitere Nummern dazu.
Die Bändchen sind klein, schlicht und durchnummeriert, und der Preis bleibt fünfzig Jahre lang gleich niedrig: erst zwei Silbergroschen, nach der Einführung der Mark zwanzig Pfennig. Bis 1898 sind schon 3.810 Bände erschienen. In Kriegszeiten wird auf schlechtem Papier gedruckt, aber die Reihe geht weiter, ab 1947 in Leipzig und in Stuttgart getrennt. Seit 1970 sind die Umschläge im Westen gelb, und so liegen sie bis heute in Schultaschen. Rund 600 Millionen Exemplare hat Reclam bis 2017 verkauft.
1874
Die Schreibmaschine
Die erste in großer Serie gebaute Schreibmaschine bringt die Buchstaben auf eine Tastatur, deren Anordnung wir bis heute benutzen. Druckbild entsteht nun im Büro, Buchstabe für Buchstabe.
Christopher Sholes und die Mitstreiter verkaufen die Erfindung an Remington, einen Hersteller von Waffen und Nähmaschinen. Die ersten Maschinen schreiben nur in Großbuchstaben, und was gerade getippt wurde, sieht man nicht, weil das Papier verdeckt liegt. Warum die Tasten gerade in dieser Reihenfolge stehen, ist bis heute umstritten.
Mit der Maschine verändert sich auch das Büro. Schreibkräfte werden gesucht und oft schlecht bezahlt, aber vielen Frauen öffnet das um 1900 den Weg zu einem eigenen Einkommen. Man nennt sie Tippfräulein, und nett gemeint ist das nicht.
1882
Fotos in der Zeitung
In München lässt sich der Kupferstecher Georg Meisenbach ein Verfahren patentieren, das ein Foto in winzige Punkte zerlegt. So kann ein Foto zusammen mit den Lettern auf derselben Presse gedruckt werden, und Zeitungen und Zeitschriften bekommen ein neues Gesicht.
Bis dahin sind Bilder in Zeitungen Holzstiche. Soll ein Foto in die Zeitung, schneidet es ein Xylograf von Hand in Holz nach, und was gedruckt wird, ist seine Deutung des Fotos. Georg Meisenbach, ein Kupfer- und Stahlstecher aus Nürnberg, lebt seit 1874 in München. Er fotografiert das Bild durch eine Glasplatte mit feinen schwarzen Linien und dreht sie nach der halben Belichtungszeit um neunzig Grad. So zerfällt das Bild in ein Gitter aus Punkten: groß in den dunklen Stellen, klein in den hellen. Auf eine Zinkplatte übertragen und geätzt, stehen die Punkte erhaben wie Lettern und lassen sich mit dem Text in einem Druckgang drucken.
Der Name Autotypie stammt von Meisenbachs Freund und Teilhaber, dem Architekten Joseph von Schmaedel. 1883 erscheint der Katalog einer Münchner Elektrizitätsausstellung als erstes Buch mit Bildern nach dem neuen Verfahren. In den frühen 1890er-Jahren drucken Zeitschriften regelmäßig Fotos, die schnellen Rotationsmaschinen der Tageszeitungen folgen erst danach. Ganz verschwunden ist das Prinzip nie: Schau dir ein gedrucktes Foto einmal mit einer Lupe an. Es besteht bis heute aus Punkten.
1886
Die Linotype
Ottmar Mergenthalers Setzmaschine gießt ganze Zeilen aus heißem Blei, während jemand auf einer Tastatur tippt. Der Handsatz, der seit Gutenberg kaum verändert war, verliert seine wichtigste Rolle.
Mergenthaler stammt aus Hachtel in Württemberg, lernt Uhrmacher und wandert mit 18 nach Amerika aus. Die Maschine, die dort entsteht, ist ein riesiges, klapperndes Wunderwerk. Eine Tastatur ruft kleine Messingformen ab, die sich zu einer Zeile reihen, heißes Blei füllt sie, und noch warm fällt die fertige Zeile heraus. Danach sortieren sich die Formen von selbst zurück.
Eine Maschine ersetzt mehrere Handsetzer. Zeitungen werden dicker und aktueller, und in den Setzereien wird es laut und heiß. Bis in die 1970er-Jahre bleibt die Linotype das Werkzeug vieler großer Zeitungen.
1900 – 1985
Das 20. Jahrhundert
Noch nie wurde so viel gedruckt, und noch nie war Gedrucktes so gefährlich. Plakate werben für Waschmittel und für den Krieg, 1933 brennen in Deutschland Bücher, Diktaturen überwachen jede Zeile. Zugleich räumt die Moderne auf: klare Schriften, klare Raster. Und gegen Ende des Jahrhunderts verschwindet still das Metall, das fünf Jahrhunderte lang die Druckereien bestimmt hat.
um 1904
Der Offsetdruck
In New Jersey druckt Ira Rubel im Steindruck und bemerkt einen Fehler, der bessere Bilder liefert als die Maschine selbst. Daraus wird der Offsetdruck, bis heute das wichtigste Verfahren für Bücher, Zeitschriften und Prospekte.
Offset heißt versetzt: Die Druckplatte berührt das Papier gar nicht. Sie gibt ihr Bild zuerst an ein Gummituch auf einem Zylinder ab, und erst das Gummi druckt aufs Papier. Weil es weich ist, schmiegt es sich auch an raues Papier an. Das Prinzip stammt vom Steindruck: Fett und Wasser stoßen sich ab, nur liegt das Bild jetzt auf einer dünnen Metallplatte, die um einen Zylinder gespannt ist.
Fast gleichzeitig arbeitet der aus Deutschland stammende Caspar Hermann in den USA an derselben Idee und entwirft nach seiner Rückkehr 1907 eine Offset-Rotationsmaschine. Als später der Fotosatz die Druckplatten mit Licht belichtet, löst der Offsetdruck den Druck mit Bleilettern fast überall ab. Das Buch, das du zuletzt in der Hand hattest, ist sehr wahrscheinlich so gedruckt.
um 1905
Plakat und Propaganda
In Berlin zeichnet der junge Lucian Bernhard ein Plakat, auf dem fast nichts zu sehen ist: Streichhölzer und ein Markenname. Damit beginnt das Sachplakat. Wenige Jahre später wirbt dieselbe knappe Bildsprache nicht mehr für Waren, sondern für den Krieg.
Um 1900 kleben Plakate an Litfaßsäulen, Bauzäunen und Brandmauern jeder größeren Stadt. Der Steindruck macht große, farbige Bögen billig, doch viele Entwürfe sind noch voller Ranken, Figuren und Text. Lucian Bernhard, geboren als Emil Kahn in Cannstatt bei Stuttgart und als Zeichner weitgehend Autodidakt, lässt fast alles weg: Er zeigt nur die Ware und ihren Namen, in kräftigen Farben und großen Buchstaben. So ein Plakat versteht man im Vorbeigehen. Bald wirbt Bernhard so für Schreibmaschinen, Schuhe und Zigaretten, und in München findet Ludwig Hohlwein mit ruhigen, malerischen Flächen einen eigenen Weg zum klaren Plakat.
Im Ersten Weltkrieg wird das Plakat zur Waffe an der Heimatfront. Es ruft zum Sparen, zum Sammeln und vor allem zum Zeichnen der Kriegsanleihen, mit denen der Staat den Krieg auf Pump bezahlt. Für die sechste Anleihe 1917 zeichnet Fritz Erler einen Soldaten mit Stahlhelm vor Stacheldraht, darunter steht „Helft uns siegen!“; auch Bernhard entwirft Plakate für die Anleihen. Was für Streichhölzer taugt, taugt auch für den Krieg: ein Bild, ein Satz, kein Zweifel. Hohlwein tritt 1931 der NSDAP bei und gestaltet später Plakate für die Partei, das Winterhilfswerk und die Olympischen Spiele 1936; nach dem Krieg bekommt er für einige Monate Berufsverbot. Bernhard lebt da schon lange in New York, wohin er 1923 ausgewandert ist.
ab 1923
Matrize und Spiritusdrucker
Wilhelm Ritzerfeld entwickelt in Deutschland einen Drucker, für den man weder Lettern noch Druckerei braucht, nur eine beschriebene Matrize und etwas Spiritus. Jahrzehntelang kommt aus ihm, was Schulen, Vereine und Gemeinden vervielfältigen: violett und mit einem ganz eigenen Geruch.
Eine Matrize besteht aus zwei Blättern. Oben liegt das Papier, auf das du schreibst, tippst oder zeichnest, darunter ein Blatt mit einer Schicht aus gefärbtem Wachs. Der Druck des Stifts überträgt die Farbe spiegelverkehrt auf die Rückseite des oberen Blatts, ähnlich wie bei Kohlepapier. Dieses Blatt kommt auf die Trommel, und bei jeder Umdrehung der Kurbel wird ein frisches Blatt mit Spiritus befeuchtet, der ein wenig Farbe von der Matrize löst. Meist ist sie violett. Nach etwa hundert Abzügen wird die Schrift blass, und auch die fertigen Blätter verblassen, in der Sonne mitunter schon nach wenigen Wochen.
Bis in die 1980er-Jahre steht so ein Gerät in fast jeder Schule, in Ämtern, Vereinen und Gemeinden; dann verdrängt es der Kopierer. Ein Verwandter ist die Wachsmatrize, eine Schablone, in die die Schreibmaschine die Buchstaben schlägt und durch die Farbe aufs Papier gedrückt wird. Mit einem solchen Abziehgerät vervielfältigt die Weiße Rose ihre Flugblätter. Wo Druckereien und Kopierer überwacht werden, bleibt oft nur die Schreibmaschine mit Kohlepapier. In der Sowjetunion tippen Menschen ab den 1950er-Jahren verbotene Gedichte, Romane und Berichte mit mehreren Durchschlägen ab, und wer sie liest, tippt sie weiter. Das heißt Samisdat, Selbstverlag. Ab 1968 erscheint so die „Chronik der laufenden Ereignisse“ über Verhaftungen und Prozesse, und auch in der DDR ziehen Oppositionsgruppen ihre Blätter mit Spiritus ab.
1925
Die neue Typografie
Am Bauhaus in Dessau wird Schrift zum Werkzeug der Moderne: ohne Serifen, ohne Schnörkel, am liebsten ohne Großbuchstaben. Sie soll klar und sachlich sein wie ein gut gebautes Haus.
Das Bauhaus, 1919 in Weimar gegründet und 1925 nach Dessau gezogen, will Kunst und Handwerk zusammenbringen. Auch die Schrift kommt auf den Prüfstand. Herbert Bayer, der die Druckwerkstatt leitet, entwirft ein Alphabet aus Kreisen und Geraden, ganz ohne Großbuchstaben. Gegossen wird es nie, aber es wird zum Vorbild.
Ab 1925 schreibt das Bauhaus alles klein, bis in den Briefkopf, und liefert die Begründung gleich mit: Warum zwei Alphabete, wenn eines genügt? Im Deutschen, wo jedes Hauptwort groß beginnt, ist das eine kleine Provokation. 1928 fasst Jan Tschichold die neuen Ideen in einem Buch zusammen, „Die neue Typographie“: klar, asymmetrisch, sachlich.
1933
Die Bücherverbrennung
Am 10. Mai 1933 werfen Studenten in Berlin und vielen anderen Universitätsstädten Bücher ins Feuer, die der neuen Regierung nicht passen. Gedrucktes wird zum Feind erklärt, und viele, die es geschrieben haben, müssen fliehen.
Organisiert wird die Aktion von der Deutschen Studentenschaft, mit Fackelzügen, Musik und vorbereiteten „Feuersprüchen“. Auf dem Berliner Opernplatz brennen etwa 20.000 Bücher, darunter Werke von Heinrich Mann, Sigmund Freud, Kurt Tucholsky und Erich Kästner. Professoren stehen dabei, Tausende schauen zu, der Rundfunk überträgt die Rede von Joseph Goebbels.
Gut hundert Jahre zuvor hatte Heinrich Heine in dem Drama „Almansor“ geschrieben: „Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“ Auch Heines Werke stehen 1933 auf den Listen. Dass man Bücher verbrennt, zeigt, wie viel Macht man ihnen zutraut.
1934
Bücher zum Hören
In den USA verleiht die Library of Congress Bücher, die man nicht lesen muss: Schallplatten mit ganzen Romanen, gesprochen für Menschen, die nicht sehen können. Aus diesem Hilfsmittel wird mit den Jahren das Hörbuch für alle.
Ab 1934 schickt die Library of Congress blinden Leserinnen und Lesern Schallplatten mit ganzen Büchern zu, dazu das Gerät zum Abspielen. Die Platten drehen sich langsamer als üblich und fassen deshalb viel mehr, Jahre bevor die Langspielplatte in die Läden kommt. Unter den ersten Aufnahmen sind Teile der Bibel, die Unabhängigkeitserklärung und Stücke von Shakespeare. Helen Keller, selbst taub und blind, setzt sich für das Programm ein.
Nach dem Zweiten Weltkrieg entstehen auch im deutschsprachigen Raum Hörbüchereien für Blinde, oft auf Initiative der Blinden selbst, gesprochen auf Tonband. Mit der Kompaktkassette ab 1963 zieht das gesprochene Buch in jedes Auto und jedes Kinderzimmer, und Hörspiele auf Kassette werden zum Massenvergnügen. Seit den späten 1990er-Jahren gibt es Hörbücher als Download, heute meist im Abo auf dem Handy. Ob Hören auch Lesen ist, darüber wird gern gestritten. Das Buch jedenfalls hat eine zweite Stimme bekommen.
1935
Das Taschenbuch
In London bringt Allen Lane zehn Bücher heraus, die so wenig kosten wie eine Schachtel Zigaretten. Sie heißen Penguin, passen in die Manteltasche und liegen bald nicht nur in Buchhandlungen, sondern auch im Kaufhaus.
Die Idee soll Lane 1934 auf dem Bahnhof von Exeter gekommen sein, nach einem Besuch bei Agatha Christie: Für die Rückfahrt fand er dort nur Teures oder Schlechtes zu lesen. Ganz so plötzlich war es wohl nicht. Lane kannte das Verlagsgeschäft seit Jahren, und ein Vorbild gab es schon: Der Albatross-Verlag in Hamburg verkaufte seit 1932 englische Romane als schlanke Taschenbücher, mit einer Farbe für jede Gattung und einem Vogel als Zeichen. Penguin übernimmt das Prinzip, Orange steht für Romane, Grün für Krimis, Blau für Lebensbeschreibungen. Am 30. Juli 1935 erscheinen die ersten zehn Bände, darunter Hemingways „In einem anderen Land“ und Agatha Christies erster Roman. Den Durchbruch bringt eine große Bestellung der Kaufhauskette Woolworth.
Die Zeitungsromane, die Rowohlt nach dem Krieg auf Rotationsmaschinen druckt, werden 1950 zu handlichen Büchern im kleinen Format. Die Anregung bringt Heinrich Maria Ledig-Rowohlt von einer Reise in die USA mit. Band 1 ist Hans Falladas „Kleiner Mann – was nun?“, ein Band kostet 1,50 Mark, und die Seiten sind nicht genäht, sondern nur geleimt. Die Reihe heißt rororo, und eine Zeit lang ist das Wort fast gleichbedeutend mit Taschenbuch. Damit wird das Buch zum Gebrauchsgegenstand: Du kannst es knicken, in der Straßenbahn lesen und im Zug liegen lassen.
1938
Der Kopierer
In einem kleinen Raum in Astoria bei New York macht der Patentanwalt Chester Carlson die erste trockene Kopie, mit Licht, Schwefel und statischer Elektrizität. Bis daraus ein Gerät fürs Büro wird, vergehen mehr als zwanzig Jahre.
Carlson arbeitet in der Patentabteilung einer Elektrofirma, wo Schriften und Zeichnungen ständig abgeschrieben und nachgezeichnet werden müssen, und seine Hände plagt Arthritis. Er sucht einen Weg, ohne Chemiebad zu kopieren. Die Lösung: Eine elektrisch geladene Platte verliert ihre Ladung dort, wo Licht auf sie fällt. Bestäubt man sie dann mit feinem Pulver, bleibt es nur an den dunklen Stellen der Vorlage haften und lässt sich auf Papier übertragen und mit Wärme festschmelzen.
Das Verfahren heißt Xerografie, aus dem Griechischen xeros, trocken, und graphein, schreiben. 1959 stellt die Firma Haloid Xerox den Kopierer 914 vor, das erste Gerät, das auf Knopfdruck Kopien auf gewöhnlichem Papier macht. Kopieren wird so billig, dass Schulen, Universitäten und Behörden bald in Papier versinken, und Geheimnisse werden schwerer zu hüten.
1942/43
Die Weiße Rose
In München schreibt eine kleine Gruppe von Studierenden Flugblätter gegen das NS-Regime, vervielfältigt sie heimlich und verschickt sie mit der Post. Auf jedes Blatt steht die Todesstrafe.
Hans Scholl, Alexander Schmorell, Sophie Scholl, Christoph Probst, Willi Graf und der Professor Kurt Huber verfassen zwischen Sommer 1942 und Februar 1943 sechs Flugblätter. Die Technik ist bescheiden: eine Schreibmaschine und ein Vervielfältigungsapparat. Die ersten Blätter gehen in kleiner Zahl per Post an ausgewählte Adressen, das fünfte schon in Tausenden Exemplaren nach Süddeutschland und bis nach Österreich.
Mehr als vierhundert Jahre nach Luthers Flugschriften ist das Flugblatt wieder die Waffe derer, die keine andere haben. Nur ist es diesmal lebensgefährlich, eines zu schreiben, eines zu verteilen und sogar eines zu behalten.
ab 1950er
Vom Bleisatz zum Fotosatz
Buchstaben werden mit Licht auf Film belichtet statt in Blei gegossen. Nach fünfhundert Jahren verschwindet das Metall aus den Setzereien, und mit ihm ein ganzer Beruf.
Die Franzosen Louis Moyroud und René Higonnet bauen in den 1940er-Jahren eine der ersten Maschinen. Licht fällt durch eine rotierende Scheibe mit Buchstaben auf Film, und von dort geht es auf die Druckplatte für den Offsetdruck. Schriften sind nun nur noch Licht und lassen sich mit einer Linse vergrößern, ohne dass man einen neuen Satz Lettern gießen muss.
Geblieben ist die Sprache der alten Setzer. Ein Buchstabe aus der falschen Schrift ist ein Zwiebelfisch, die erste Zeile eines Absatzes, die allein unten in der Spalte hängen bleibt, ein Schusterjunge. Das englische upper case und lower case bezeichnet die oberen und unteren Fächer im Setzkasten, auch wenn die meisten, die es heute benutzen, nie einen gesehen haben.
1957
Schrift als Marke
Max Miedinger und Eduard Hoffmann entwerfen in der Schweiz die Schrift, die später Helvetica heißt. Schriften sind längst mehr als Lesbarkeit: Sie geben Firmen, Behörden und ganzen Städten ihre Stimme.
Die Haas’sche Schriftgießerei in Münchenstein bei Basel nennt die neue Schrift nüchtern Neue Haas Grotesk. Für den Verkauf ins Ausland wird daraus um 1960 der Name Helvetica, nach Helvetia, dem lateinischen Namen der Schweiz. Das klingt nach Präzision und Sachlichkeit, und das kommt an. Bald tragen Fluggesellschaften und Konzerne die Schrift.
Sie ist so allgegenwärtig, dass man sie kaum noch bemerkt. Das gehört zu ihrem Erfolg. 2007 widmet ihr der Filmemacher Gary Hustwit einen ganzen Kinofilm.
1985 – 2010
Die Bildschirmzeit
In nur 25 Jahren wird aus der Druckerei ein Programm, aus dem Kiosk eine Adresse und aus der Bibliothek ein Gerät in der Hosentasche. Zum ersten Mal in der Geschichte ist das Kopieren kein Aufwand mehr. Hier triffst du auf vertraute Dinge: ein Schriftenmenü, einen Link, das Leuchten eines Bildschirms.
1984
Der Drucker am Schreibtisch
Der Computer zieht ins Büro und ins Kinderzimmer, und mit ihm ein Gerät, das Buchstaben aufs Papier bringt: erst laut mit Nadeln, dann leise mit Tinte und Laser. 1984 kommen der erste Laserdrucker für viele und der erste Tintenstrahldrucker von Hewlett-Packard auf den Markt.
Der Nadeldrucker schlägt mit einem Kopf aus feinen Stiften durch ein Farbband, Punkt für Punkt, und kreischt dabei wie eine kleine Säge. Das Papier läuft als Endlosbahn mit gelochten Rändern hindurch, die man hinterher abreißt. Der Tintenstrahldrucker schießt winzige Tropfen aufs Papier. Der Laserdrucker arbeitet wie ein Kopierer: Ein Laser schreibt die Seite als elektrische Ladung auf eine Trommel, Tonerpulver bleibt daran haften und wird aufs Papier geschmolzen.
Erfunden hat den Laserdrucker Gary Starkweather bei Xerox um 1970, indem er einen Kopierer umbaute. Zum Gerät für viele wird er 1984 mit dem LaserJet von Hewlett-Packard. Zum ersten Mal seit dem Skriptorium entsteht eine fertige Seite wieder dort, wo geschrieben wird, und nicht in einer Werkstatt.
1985
Desktop-Publishing
Macintosh, Laserdrucker und Layout-Software passen zusammen auf einen Schreibtisch. Schriftarten stehen plötzlich in einem Menü, und jeder Mensch mit einem Computer kann setzen, was früher eine Werkstatt brauchte.
Drei Dinge greifen ineinander: der Mac mit grafischer Oberfläche, Adobes Seitenbeschreibungssprache PostScript im LaserWriter und das Programm PageMaker von Aldus, dessen Gründer Paul Brainerd den Begriff Desktop-Publishing geprägt haben soll. Vereinsblätter, Schülerzeitungen und Handwerkerflyer entstehen nun im Wohnzimmer.
Mit der Freiheit kommt auch das Elend. Wer zum ersten Mal zwanzig Schriften im Menü hat, benutzt gern alle gleichzeitig. Das Ergebnis erinnert an einen Erpresserbrief, und die Kunst, die jahrhundertelang im Handwerk steckte, wird auf einmal sichtbar, weil sie fehlt.
1986
Drucken in drei Dimensionen
In Kalifornien härtet Chuck Hull flüssigen Kunststoff mit ultraviolettem Licht, Schicht für Schicht, bis ein fester Gegenstand daraus wird. 1986 bekommt er das Patent darauf. Drucken heißt von nun an nicht nur, Farbe auf Papier zu bringen, sondern auch, Dinge zu bauen.
Hull arbeitet Anfang der 1980er-Jahre für eine Firma, die mit ultraviolettem Licht Beschichtungen aus Kunstharz härtet. Daraus macht Hull ein Verfahren, das den Namen Stereolithografie bekommt: Ein Lichtstrahl zeichnet auf die Oberfläche eines Bades aus flüssigem Harz den Querschnitt eines Gegenstands. Dort wird das Harz fest, die Plattform darunter senkt sich ein kleines Stück, und das Licht zeichnet die nächste Schicht. Wie eine Seite aus vielen Zeilen entsteht so ein Körper aus vielen dünnen Scheiben.
Noch 1986 gründet Hull die Firma 3D Systems, und bald stehen solche Maschinen in den Entwicklungsabteilungen der Industrie, wo man schnell ein Modell in der Hand halten will. Andere Verfahren folgen, etwa mit einem geschmolzenen Kunststofffaden, der wie aus einer Spritztüte Bahn um Bahn aufgetragen wird. Als die ersten Patente auslaufen, werden die Drucker billig genug für Schulen, Werkstätten und Wohnzimmer. Gedruckt werden heute Ersatzteile, Zahnkronen, Prothesen und Spielfiguren.
1991
Das World Wide Web
Tim Berners-Lee macht das Web öffentlich. Texte kosten beim Verbreiten nichts mehr und können von überall gelesen werden, ganz ohne Druckerei, Papier oder Laden.
Die Idee kommt aus dem Alltag am CERN bei Genf. Tausende Forschende arbeiten dort auf unterschiedlichen Rechnern, und Informationen gehen ständig verloren. Der Vorschlag: Dokumente einfach durch Verweise verbinden. Dazu gehören eine Adresse (URL), eine Auszeichnungssprache (HTML) und ein Protokoll (HTTP).
Entscheidend ist ein Entschluss aus dem April 1993: Das CERN gibt die Technik frei, ohne Gebühren. So kann jede und jeder eine Seite ins Netz stellen, ohne erst eine Druckerei oder einen Verlag zu überzeugen.
1993
Digitaldruck und Buch auf Bestellung
Auf der Druckmesse Ipex in Birmingham zeigt die Firma Indigo aus Israel eine Farbdruckmaschine, die keine Druckplatte mehr braucht. Sie druckt direkt aus dem Computer, und jedes Blatt darf anders aussehen. Damit lohnt sich ein Buch schon ab einem einzigen Exemplar.
Im Offsetdruck muss vor jedem Auftrag eine Platte hergestellt und die Maschine eingerichtet werden. Das kostet Zeit und Papier und lohnt sich erst, wenn viele gleiche Bögen folgen. Die Maschine von Indigo, die E-Print 1000, überträgt das Bild dagegen elektrisch, ähnlich wie ein Laserdrucker, nur mit flüssiger Farbe. Bei der Vorführung, so berichtet die Fachpresse, fotografiert man vor Publikum ein Modell mit einer Digitalkamera, und rund fünf Minuten später ist das Bild farbig gedruckt. Indigo gehört heute zu Hewlett-Packard.
Für Bücher heißt das: Man muss sie nicht mehr in großer Auflage drucken und dann hoffen, dass sie sich verkaufen. Gedruckt wird erst, wenn jemand bestellt. In Deutschland entwickelt der Buchgroßhändler Libri 1997 daraus ein Geschäft, Books on Demand in Norderstedt. Wer ein Manuskript hat, kann es nun ohne Verlag als Buch herausbringen, bestellbar im ganzen Buchhandel. Der Selbstverlag, früher teuer und selten, wird zu einem Weg, den heute sehr viele gehen. Und ein Buch muss nie mehr vergriffen sein.
1997
Elektronisches Papier
Am Media Lab des MIT arbeiten Joseph Jacobson und zwei Studenten an einer Anzeige, die aussieht wie bedrucktes Papier, und gründen 1997 dafür die Firma E Ink. Erst damit wird aus dem Lesegerät etwas, auf dem man stundenlang lesen mag.
Ein Bildschirm leuchtet, Papier nicht: Es wirft nur das Licht zurück, das darauf fällt. Elektronisches Papier ahmt das nach. Winzige Kapseln, etwa so dick wie ein Haar, enthalten schwarze und weiße Teilchen mit elektrischer Ladung. Eine Spannung zieht die einen nach oben und die anderen nach unten, und das Bild bleibt stehen, ohne weiter Strom zu verbrauchen. In der Sonne liest es sich wie Papier, im Dunkeln braucht es eine Lampe.
Lesegeräte gibt es schon vorher. Um 1998 kommen in den USA das Rocket eBook und andere Geräte auf den Markt, mit gewöhnlichen Flüssigkristallanzeigen, teuer und mit wenigen Büchern, und sie verschwinden bald wieder. Das erste Lesegerät mit elektronischem Papier bringt Sony 2004 in Japan heraus, den Librié. Auch er verkauft sich schlecht, weil es kaum Bücher dafür gibt. Den Durchbruch schafft drei Jahre später ein Händler, der die Bücher gleich mitliefert.
1999
Emoji
Für das mobile Internet des Anbieters NTT Docomo zeichnet Shigetaka Kurita in Japan 176 kleine Bilder, jedes nur zwölf mal zwölf Punkte groß. Fünftausend Jahre nach den ersten Bildzeichen schreiben die Menschen wieder mit Bildern.
Ein Handy um 1999 zeigt nur wenige Zeilen, und eine Nachricht darf nicht lang sein. Kurita sucht Zeichen, die sofort sagen, wie etwas gemeint ist: Sonne, Regen, ein Herz, ein lachendes Gesicht. Das Wort Emoji kommt aus dem Japanischen, e heißt Bild und moji Schriftzeichen. Mit dem englischen emotion hat es nichts zu tun.
Weltweit lesbar werden die Bilder erst, als sie 2010 in Unicode aufgenommen werden, den Standard, der jedem Schriftzeichen der Welt eine Nummer gibt. Seither ist ein Emoji eine Nummer, und jedes Gerät zeichnet es auf seine Weise, so wie derselbe Buchstabe in jeder Schrift anders aussieht. Und wie bei den Hieroglyphen meint ein Bild oft etwas anderes, als es zeigt.
2001
Wikipedia
Am 15. Januar 2001 geht eine Enzyklopädie online, an der jeder Mensch mitschreiben darf, ohne Anmeldung und ohne Honorar. Viele halten das für eine Schnapsidee. Heute ist Wikipedia das umfangreichste Nachschlagewerk, das es je gegeben hat.
Erinnerst du dich an die Encyclopédie? Rund 72.000 Artikel in 28 Bänden, ein Viertel davon von einem einzigen Mitarbeiter. Die englische Wikipedia überschreitet 2025 die Marke von sieben Millionen Artikeln, die deutsche, gegründet im März 2001, hat über drei Millionen. Geschrieben werden sie von Freiwilligen, meist unter einem Benutzernamen. Jede Änderung wird gespeichert, und die ganze Geschichte eines Artikels lässt sich nachlesen, Streit eingeschlossen.
Was Diderot erlebt hat, kehrt hier verwandelt wieder: Nicht ein ängstlicher Verleger streicht, sondern die nächste Person, die den Artikel öffnet. Damit daraus kein Chaos wird, gelten Regeln: Was drinsteht, soll belegt sein, und die Darstellung soll neutral bleiben. Die Texte stehen unter einer freien Lizenz und dürfen weiterverwendet werden, Werbung gibt es keine, Wikipedia lebt von Spenden. Fehler kommen vor wie in jedem Nachschlagewerk. Dass jede und jeder sie beheben kann, ist Stärke und Schwäche zugleich.
2004
Bibliotheken werden digital
Auf der Frankfurter Buchmesse kündigt Google an, Bücher im Netz durchsuchbar zu machen. Im Dezember folgen große Bibliotheken: Harvard, Stanford, Michigan, Oxford und die New York Public Library lassen ihre Bestände einscannen. Die Bücher der Welt sollen auf den Bildschirm.
Bis heute hat Google nach eigenen Angaben über vierzig Millionen Bücher in mehr als vierhundert Sprachen auffindbar gemacht. Ganz lesen kann man nur, was nicht mehr urheberrechtlich geschützt ist, von neueren Büchern zeigt die Suche kurze Ausschnitte. Autorinnen, Autoren und Verlage klagen dagegen, rund zehn Jahre lang. 2015 entscheidet ein Berufungsgericht in New York: Das Einscannen und die kurzen Ausschnitte sind erlaubt.
In Europa sorgt das Vorhaben früh für Unruhe. Jean-Noël Jeanneney, der Präsident der französischen Nationalbibliothek, warnt 2005 davor, das Erbe der europäischen Bücher einer amerikanischen Firma zu überlassen. Daraus wird Europeana, ein gemeinsames Portal von Bibliotheken, Archiven und Museen, heute mit über fünfzig Millionen Objekten aus mehr als dreitausend Einrichtungen. Handschriften und Frühdrucke, die man früher nur mit Erlaubnis und Handschuhen sehen durfte, kannst du nun am Bildschirm bis in jedes Detail vergrößern.
2007
E-Book und Smartphone
Im selben Jahr erscheinen der erste Kindle und das erste iPhone. Eine ganze Bibliothek passt in die Jackentasche, und auf dem Bildschirm konkurriert das Lesen mit allem anderen.
Der erste Kindle ist grau, klobig und innerhalb von Stunden ausverkauft. Neu ist vor allem das E-Ink-Display, das wie Papier das Licht reflektiert, statt selbst zu leuchten. Das iPhone geht den umgekehrten Weg: Es ist ein leuchtendes Fenster zu allem. Heute liest ein großer Teil der Menschheit vor allem darauf, in kleinen Portionen, zwischen zwei Nachrichten.
Bücher sind nun auch Dateien. Meist stecken sie im offenen Format EPUB, seit 2007 ein gemeinsamer Standard, den die meisten Lesegeräte öffnen; nur Amazon bleibt lange bei einem eigenen Format. Häufig liegt ein Kopierschutz über der Datei, der sie an ein Konto oder ein Gerät bindet. Man kauft das Buch dann nicht mehr, sondern erwirbt eine Lizenz, und man kann darin suchen, markieren und sehen, was andere markiert haben.
Im deutschsprachigen Raum antworten Buchhändler 2013 gemeinsam auf den Kindle: Thalia, Weltbild, Hugendubel und Club Bertelsmann bringen mit der Telekom den tolino heraus, ein Lesegerät, das Bücher aus vielen Läden annimmt. Schon seit 2007 verleihen öffentliche Bibliotheken E-Books über die Onleihe, auf Zeit wie ein gedrucktes Buch. Nach Ablauf der Frist lässt sich die Datei einfach nicht mehr öffnen.
Zusatzrundgang Die Bibel: Die BasisBibel →
seit 2010
Heute
Wir stehen im letzten Saal und sind selbst ein Teil der Ausstellung. Nie zuvor haben so viele Menschen so viel gelesen und geschrieben, und nie war das Geschriebene so flüchtig. Vielleicht kommt es gar nicht darauf an, ob das Papier überlebt, sondern darauf, was uns das Lesen weiterhin bedeutet.
seit den 2000ern
Das Verschwinden der Printmedien
Gedruckte Zeitungen und Zeitschriften verlieren Auflage, viele Titel erscheinen nur noch online oder gar nicht mehr. Das Buch hält sich besser, aber der Alltag des Lesens ist auf den Bildschirm gewandert.
Die Encyclopaedia Britannica stellt 2012 nach 244 Jahren den Druck ein, die Wiener Zeitung beendet am 30. Juni 2023 nach 320 Jahren ihre tägliche Druckausgabe. Mit den Anzeigen bricht vielen Lokalzeitungen das Fundament weg, und mit ihnen verschwinden die Leute, die dem Gemeinderat auf die Finger schauen.
Doch das Buch überlebt. Dass das E-Book alles Gedruckte ablöst, hört man heute kaum noch. Offenbar wollen viele manche Texte weiter in der Hand halten, mit Eselsohren und Kaffeeflecken.
Zusatzrundgang Die Zeitung: Die letzte Ausgabe →
seit 2022
Texte von Maschinen
Ende November 2022 macht die Firma OpenAI ein Programm namens ChatGPT öffentlich zugänglich. Es beantwortet Fragen und schreibt auf Zuruf Briefe, Aufsätze und Gedichte, in fließendem Deutsch. Innerhalb von fünf Tagen probiert es eine Million Menschen aus.
Ein Sprachmodell ist ein Programm, das an riesigen Mengen Text gelernt hat, wie Wörter aufeinander folgen, und Stück für Stück weiterschreibt, was am besten passt. Das Ergebnis klingt oft klug und ist oft richtig, aber nicht immer. Manchmal erfindet ein Modell Tatsachen, Zitate oder Quellen und klingt dabei genauso sicher wie sonst. Ob ein Satz stimmt, sieht man ihm nicht an.
Seit Gutenberg ist das Vervielfältigen billig, seit dem Web das Verbreiten. Nun wird auch das Verfassen billig. Für das Lesen heißt das: Die Frage, wer hinter einem Text steht und woher das Wissen darin kommt, wird wichtiger. Auch diese Website ist mit Hilfe eines Sprachmodells entstanden, so steht es im Impressum: Claude von der Firma Anthropic hat bei Recherche und Programmierung mitgearbeitet. Die Tatsachen sind nachgeprüft. Nachprüfen darfst du trotzdem, hier wie überall.
heute
Papier heute
Vom papierlosen Büro ist seit Jahrzehnten die Rede. Trotzdem verbraucht Deutschland 2024 rund 190 Kilogramm Papier, Pappe und Karton pro Kopf, ein großer Teil davon als Verpackung. Woher kommt das alles, und was wird daraus?
Beim Holzschliff hast du gesehen, wie das Papier in den Wald zog. Heute ist der wichtigste Rohstoff der deutschen Papierfabriken aber nicht mehr der Baum, sondern das Altpapier: 2024 stammen rund 84 Prozent des hier hergestellten Papiers daraus. Bei Wellpappe und Zeitungspapier liegt die Quote sogar über hundert Prozent, weil beim Aufbereiten Fasern verloren gehen und mehr Altpapier hineinmuss, als neues Papier herauskommt. Bei Hygienepapier wie Taschentüchern sind es dagegen nur 39 Prozent.
Für ein Kilogramm Kopierpapier aus frischen Fasern braucht es nach Angaben des Umweltbundesamts rund fünfzig Liter Wasser und fünf Kilowattstunden Energie. Recyclingpapier kommt mit etwa der Hälfte der Energie und einem Drittel des Wassers aus und spart Holz. Ganz ohne Wald geht es trotzdem nicht: Bei jedem Durchgang werden die Fasern kürzer, bis sie für ein neues Blatt nicht mehr taugen. Der Preis für den Wald, den das Industriezeitalter kaum sehen wollte, wird heute mitgerechnet.
heute und morgen
Der Lesesaal
Am Ende des Rundgangs bleibt eine Frage: Was gibt uns das Lesen, auf Papier oder am Bildschirm? Über fünftausend Jahre haben Menschen viel Mühe darauf verwendet, dass Gedanken ihre Zeit überdauern. Hier darf man sich setzen und einen davon aufnehmen.
Vieles, was du unterwegs gesehen hast, war nicht für dich gedacht. In Uruk wurde Bier abgerechnet, Merer führte einen Dienstplan, und Claudia Severa wollte zum Geburtstag die Freundin sehen. Dass du sie trotzdem verstehen kannst, liegt an all den Menschen dazwischen: an denen, die Ton kneteten und Felle schabten, Lumpen sammelten, Lettern gossen und Daten retteten.
Beim Lesen sitzt man immer mit jemandem zusammen, dem man nie begegnen wird. Das ist das Merkwürdige daran, und vielleicht auch das Schöne. Es braucht dafür keine Presse und keinen Strom, nur etwas Stille und ein paar Minuten. Du hast sie gerade damit verbracht.